Archiv der Kategorie 'Antirassismusarbeit'

Mein Rassismus #3

Ahrensburg, Hauptstraße, 15.​12.​2013
Vor etwa 2 Wochen fuhr ich arbeitsbedigt etwas mit dem Auto rum. Ich war spät dran, hatte eigentlich schon Feierabend, war genervt und zugegebenermaßen nicht sonderlich sozialkompatibel. Die Ampel vor mir schaltete auf Rot, was mich noch mehr nervte und ich rollte die letzten 50 Meter auf sie zu. Kurz vor der Ampel wollte ein anderer Fahrer von einer Tankstelle auf die Straße biegen. An jedem anderen Tag hätte ich ihn natürlich reingelassen. Nur an jenem Tag war mir das relativ egal.
Als ich also an ihm vorbeifuhr und sah, dass der Mann hinterm Steuer Schwarz (sic!) war, bekam ich beinahe auf der Stelle ein schlechtes Gewissen mit dem Hintergedanken, grade ihn hätte ich reinlassen müssen…

Mein Rassismus #2

Berlin, U-Bahn, 30.11.2013
Das Kind machte sich grade über einen Smarties-Adventskalender her, dessen Türen bereits sämtlichst geöffnet waren und dessen Inhalt anscheinend schon vor Stunden verschlungen worden war… Eigentlich waren die Türchen nur noch Konfetti, dass den Kinderwagen einrahmte.
Die Mutter saß unbeteiligt neben ihrem umweltverschmutzenden Nachwuchs und sah alles andere als motiviert aus ihn auch nur mahnend anzuschauen.
Im Inneren begann ich mich aufzuregen. Auch wenn ich ausdrücklich dafür bin, Kinder weitestgehend machen zu lassen, was sie gerne machen würden, halte ich sowas für sowohl vermeidbar als auch antisozial den Menschen gegenüber, die den Mist wegkehren müssen…
…ich begann also mich aufzuregen, bis mir auffiel, dass die Mutter ein Kopftuch trug.
„In ihrem Kulturkreis ist man sehr nachsichtig gegenüber Kindern, das kenne ich von Freunden…“

Mein Rassismus #1

Gestern brachten wir einige Spenden zu den Menschen in der St. Pauli Kirche. Was uns erwartete waren verschlossene Tore. Verständlicherweise… Also lungerten wir eine kleine Weile vor dem Haupteingang, in der Hoffnung irgendwer würde schon kommen und uns die Sachen abnehmen, herum.
Keine 5 Minmuten später, kam ein Mann um die Ecke und musterte uns skeptisch. Wie sich später herausstellte war es einer der Männer, die in der Kirche Asyl gefunden hatten.
Als er so an uns vorbei ging, wussten wir das natürlich noch nicht.

Und mein einiziger Gedanke war:

„…Oh, scheiße, ich habe hier jetzt eine Tüte mit Spenden, kann sie doch aber nicht dem nächsten Schwarzen, der hier um die Ecke kommt in die Hand drücken und damit Gefahr laufen, dass er eben KEINER dieser Geflüchteten ist, sondern nur jemand der hier grade zufällig um die Ecke kommt.“

Das klingt banal, aber mich hat es erschrocken. Der einzige Grund, warum ich ihn sofort den Geflüchteten zugeordnet habe, war seine Hautfarbe…

Unser Verstand funktioniert so. Das kann man denke ich, als Behauptung stehen lassen. Er sucht nach Mustern, um Hypothesen abzuleiten, testet sie dann und versucht es bei einem Irrtum noch einmal. Dies wäre unproblematisch, wenn es sich um zum Beispiel den Kleidungsstil eines Menschen handeln würde.
Wäre jemand in vollem Ornat oder eine Gruppe „Zecken“ an uns vorbeimarschiert, hätte ich den selben Impuls gehabt, ihnen das Zeug in die Hand zu drücken und dann wieder zu veschwinden… Nur können Würdenträger und Linke nach Hause gehen und sich Blue Jeans und einen kakifarbenen Pullover anziehen und schon würden sie aus meiner Zuschreibung herausfallen. Der Mann hingegen, den wir trafen würde IMMER meiner Zuschreibung entsprechen. Egal was er anhätte…

Das Ende der Geschichte ist übrigens schnell erzählt:
Wir sagten Hallo, aus einem Impuls heraus auf deutsch. Er begrüßte uns und fragte uns was wir hier machen. Wir erklärten uns, er nahm uns die Tüten ab, wir gaben uns zum Abschied die Hand und verschwanden dann…

Mein Rassismus = Intro

Ich habe beschlossen eine Beitragsreihe zu starten.
„Mein Rassismus“ soll von meinem schlechten Gewissen, meiner Prägung und meiner gelegentlichen Hilflosigkeit meinem eigenen Denken gegenüber berichten.
Dabei soll die Reihe zweierlei Funktionen erfüllen:
…Zum einen will ich mich (mehr oder minder) öffentlich mit meinen eigenen Vorurteilen auseinandersetzen und diese quasi lutherisch an Kirchentüren schlagen, damit alle sie sehen können…
…um anderen hoffe ich mich durch diesen Prozess intensiver mit diesem Konflikt auseinandersetzen und ihn im besten Falle überwinden zu können.

[…]

Ein noch: Ich erwarte hier keinen Ablass, kein Verständnis. Was ich erwarte sind auch keine Lorbeeren, dass ein Weißer sich mit seinen Vorurteilen auseinandersetzt. Das ist in meinen Augen sogar sein Job. Es wäre also sogar genau das Gegenteil von dem, was ich erwarte.
Ich wünsche mir aber, dass ein öffentlich machen solcher Gedanken und Momente dazu führt, dass so mancher Mensch mehr Zeit mit seinen eigenen Gedanken verbringt und sich nicht permanent von stolz und Scham davon abhalten ließe, diese Gedanken auch kritisch zu äußern…
Nicht als Absolution, sondern als Intervention…