Archiv der Kategorie 'Antirassismusarbeit'

Mein Rassismus #6 – Der Busfahrer

Ahrensburg, Stadtbus, Anfang Februar 2014

Als ich in den Bus einstieg, blickte mich ein asiatisch aussehender Busfahrer [Nachtrag: mit dieser Formulierung bin ich unzufrieden, mir fehlt aber eine bessere] missmutig an, grüßte mich nicht und zeigte nur wortlos auf die Kassenanzeige, um mir mitzuteilen, wie viel ich zu zahlen hatte. Ich bezahlte, setzte mich und war irgendwie auf eine beleidigte Weise irritiert. Zunächst konnte ich auch gar nicht sage wieso. Jeder der mal Bus gefahren ist weiß, dass Busfahrer manchmal schlechte Laune haben, Wieso auch nicht: Ist ein verantwortungsvoller Job.
Erst beim Verlassen des Busses wurde mir klar, woran das lag: Der Asiate hatte gar nicht gelächelt…

(Ganz im Ernst: Ich habe noch ein wenig darüber nachgedacht. Mir ist ein unfreundlicher Busfahrer egal, so zumindest war es bisher mit jedem von ihnen. Auch hatte ich an diesem Tag keine besonders schlechte Laune, so dass ich dünnhäutiger hätte sein können, als sonst… Mir kam es vor, wie eine Beleidigung, dass ein Asiate grade mich nicht anlächelte, obwohl er dies -so zumindest dieses ekelhafte Ressentiment in meinem Kopf- aufgrund seiner kulturellen Prägung doch wohl als Teil seiner Selbst begreifen müsste, zu lächeln.)

Mein Rassismus #5 – Das Pärchen

Hamburg, U-Bahn, Januar 2014
Ich weiß um ehrlich zu sein nicht, wo ich hin gefahren bin. An und für sich ist das ja auch belaglos.
Neben mir, bzw. auf der Bank auf der anderen Seite des Mittelganges saß ein schwarzes Pärchen. Sie waren ganz niedlich miteinander, was ich irgendwie schön fand. Deswegen schaute ich eine Zeit unauffällig zu ihnen, während ich Musik hörte. Manchmal beobachtet man einfach gerne fremde Menschen.
Als wir dann in irgendeinem Bahnhof zum stehen kamen und neue Fahrgäste einstiegen, kam auch eine Gruppe Schwarzer zu uns in den Wagon.
Als die Gruppe das Pärchen passiert dachte ich nur: „Komisch, dass die sich nicht kennen…“

Ich glaube dazu muss ich nicht noch mehr sagen…

Brandanschlag?

UPDATE: NDR – Täter vermutlich gefasst

Spiegel Meldung
Ein Demoaufruf

Es kann derzeit nicht gesagt werden, inwieweit die Tat einen (wie auch immer gearteten) rechtsextremen, xenophoben oder rassistischen Hintergrund hatte. In den letzten Jahren sind in Hamburg auch vermehrt Kinderwagen aus reinem „jugendlichen Leichtsinn/Blödheit“ in Brand gesteckt worden.
Es kann also sein, dass wir dem Umstand eine Dynamik verleihen, die nicht angemessen sein könnte.
Was also bedeutet das für uns (wenn ich damit einfach mal alle Menschen zusammenfassen darf, die bereit sind herrschende Verhältnisse anzuprangern):

In den letzten Jahren sind durch den NSU mindestens 9 Menschen aus primär rassistischen Motiven ermordet worden. In all diesen Fällen wurde das Umfeld der Opfer verdächtigt. Die Morde wurden durch die Presse beleidigend als „Dönermorde“ verklärt. Eine Vielzahl von Menschen hätten vermutlich durch frühe Ermittlungen in die richtige Richtung gerettet werden können.
Daneben gab es auch viele Opfer, die nicht von einer Terrorzelle, sondern von „ganz normalen Menschen“ verletzt und getötet wurden. Darunter auch Fälle bei denen Polizisten selbst im Verdacht stehen, die Täter zu sein…
Das noch größere Problem allerdings, war und ist das nicht-wahrhaben-wollen der Öffentlichkeit. Eine Gesellschaft die nicht realisieren will, dass Rassismus allgegenwärtig und Hass auf alles, was fremd erscheint, weit verbreitet ist.
Auch wenn wir nicht wissen, inwieweit es sich bei diesem Ereignis um eine rassistisch-motivierte Tat handelt, (wir wissen ja noch nicht einmal ob ein Vorsatz im Sinne einer Tötungsabsicht bestand,) steckt uns doch allen ein Klos im Hals, wenn wir von einem brennenden Haus mit Todesopfern hören, in dem Asylbewerber oder aber auch „nur“ Menschen lebten, denen von unserer Gesellschaft abgesprochen wird, originärer Teil der deutschen Kultur zu sein.

Zu sehr erinnert uns das alles an Vergangenes; an Mölln, an Lichtenhagen, an jeden verdammten Sonntag, an dem wir uns den Faschisten entgegenstellen.
An ihren Hass und die Bereitschaft, Menschen wegen Herkunft und Hautfarbe zu verletzen und zu töten…
Und trotzdem wissen wir, dass wir wenige sind.
Wir wissen, wie viele „Mitbürger“ sich taub und stumm stellen und wie Opfer immer wieder zu Tätern stilisiert werden.
Wir wissen auch, wie wenig Aufklärungsinteresse in der Vergangenheit bestand.
Und wir wissen, dass Dinge nur so lange wichtig sind, wie wir ihnen Wichtigkeit beimessen. So bedauerlich das klingen mag…
…genau deswegen muss Öffentlichkeit hergestellt und ein Bewusstsein geschaffen werden. Ohne Kompromisse.

Die Menschen sollen und müssen damit konfrontiert werden, was in ihrer Gesellschaft passiert.
Niemand soll je wieder sagen können, er habe von all den Verbrechen keine Ahnung gehabt!

Auch wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass es sich um keinen Anschlag handelte, wäre geschehen, was seit langem mal wieder fällig war:
Uns wurde ein Spiegel vorgehalten.

Also beteiligt euch an Aktionen, macht Druck auf die Ermittlungsbehörden, organisiert euch!

Nachsatz:
Ich bin dagegen jetzt schon von rassistischen Morden zu sprechen.
Dafür ist mir die Beweislast zu dünn. Allerdings denke ich, dass ein paar Menschen, die bereits jetzt von Morden sprechen lediglich ein adäquates Gegengewicht zur Verklärungsmentalität der hiesigen Presselandschaft darstellen. Insofern ist das für mich zu vernachlässigen.

Zweiter Nachsatz:
Ich schrieb eben, das mir die Beweislast zu dünn sei und möchte dazu noch kurz etwas los werden.
Ich denke, dass diskutiert werden muss, inwieweit ich mich falsch verhalte, inwieweit man sich falsch verhalten kann, wenn man als deutscher, weißer Linker einer Person of Color unterstellt per se ein Opfer zu sein. Diese Form des Protektionismus ist nicht unkritisch zu sehen. Immerhin bin ich es, als deutscher, weißer Linker und nicht der „Marginalisierte“ selbst, der entscheidet, wen er beschützen möchte und wen nicht.
Dies ist insofern schwierig, als dass wir Solidarität als unsere stärkste Waffe ansehen.
Meine Meinung hierzu: Dieser Diskurs darf nicht verhindern, dass ich helfe, wo ich helfen kann. Aber es sollte gefragt werden, wer mich überhaupt um Hilfe bittet oder ob ich ein mutmaßliches um-Hilfe-bitten voraussetzen kann, sofern die betreffende Person nicht in der Lage ist um Beistand zu bitten.
Manchmal ist es auch so, dass man aus einer solchen Zwickmühle nicht wirklich elegant heraus kommt:
Der Diskurs muss allerdings am Leben gehalten werden, um dafür zu sensibilisieren, dass wir die derzeitigen Verhältnisse möglichst nicht in unserer Arbeit reproduzieren (Der König ist tot, lang lebe der König!)…

Briefe #2 – SZ und die Abstammungsfrage

Leserbrief auf diesen SZ-Artikel

Sehr geehrte Damen und Herren,
mir erschließt sich der Sinn der Erwähnung der Herkunft der Menschen, über die Sie in Ihrem Artikel schreiben nicht. Inwieweit ist es für das Verständnis der Sachlage wichtig, dass Täter und Opfer in Deutschland lebende Kosovaren waren?
Oder waren es deutsche mit kosovarischer Herkunftsgeschichte?
Mir ist zwar bewusst, dass Menschen aus Kriegsgebieten bestimmten traumatischen Belastungen unterlegen sind, die bestimmtes Handeln und Denken mitverursachen können, so nimmt Ihr Artikel jedoch keinen qualifizierten Bezug hierauf. Auch scheint dieser Umstand, zumindest lässt Ihr Artikel davon nichts verlauten, nicht Bestandteil des Prozesses gewesen zu sein.
Es wird lediglich, wie aus dem Zusammenhang gerissen, impliziert, dass es sich bei den genannten Personen, um nicht-Deutsche handelt.
Die Erwähnung der Herkunft von Täter und Opfern kann also lediglich aus zwei Motiven heraus geschehen sein:
1) Der Autor wollte bewusst oder unbewusst implizieren, dass es sich um ein parallelgesellschaftliches Phänomen handelt. Hierfür gibt es aber, mit Ausnahme der Abstammung der Beteiligten, keinen Anhalt. Und allein die Abstammung für eine solche Unterstellung heranzuziehen, würde einen mehr als faden Beigeschmackt hinterlassen.
2) Es war unbedacht und lediglich einem prosaischen Erzählstil gezeugt, um den Leser bei Laune zu halten. Dann allerdings muss ich mich fragen, wieso nicht beim ebenfalls im Artikel erwähnten Richter oder den genannten Polizisten angegeben wurde, welcher Abstammungslinie sie entspringen.
Auch erschließt sich mir nicht, wieso ein pathoserregendes Zitat über in-Deutschland-läuft-das-anders einen relevanten Bezug zum Tatgeschehen herstellen soll. Sollen hier Unterschiede zwischen einer „zivilisierten“ und einer „unzivilisierten“ Welt hergestellt werden?
Wenn Sie sich einmal im öffemtlichen Raum, unter „Deutschen“ umhören, was zum Beispiel mit Sexualverbrechern geschehen solle, so ist es um den Drang des Bürgers zur Selbstjustiz nicht weit. Und auch prügelnde Ehemänner liegen dabei nicht hoch im Kurs.

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von mir öffentlich geführt wird, und ich dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen werde.

Mit freundlichen Grüßen
Kh Arma

Mein Rassismus #4

Hamburg, Kreuzung, 20.​12.​2013

Die meisten Dinge, über die man sich ärgert passieren (zumindest gefühlt) im Straßenverkehr. Ich wartete vor einigen Tagen auf den Bus, Kopfhörer in den Ohren, als mir eine irgendwie aufsehenerregende Verkehrssituation auffiel. Ich könnte gar nicht mehr genau sagen, was genau so aufsehenerregend war, vermutlich lag einfach eine gewisse Spannung in der Luft. Ich nahme meine Kopfhörer raus und betrachtete das Bild.
Zwei Autos standen sich gegenüber. Er wollte abbiegen, sie gradeaus durchfahren. Sie traute sich allerdings nicht so richtig, weil immer mal wieder Querverkehr kam.
Irgendwann platze ihm der Kragen und sein Auto schoss einen Meter vor. In genau diesem Moment fuhr auch sie los…
Er riss seine Tür auf und schrie sie an… Wie sie so blöd sein könne… Warum sie ihren Führerschein nicht gleich zerreiße und so weiter…
Sie riss ihrer Tür auf, beleidigte ihn einmal ordentlich durch und fuhr weg. Dabei fiel mir ihr Akzent auf… Spanierin, vielleicht…

Als er dann, immer noch fluchend, abbog und an meiner Haltestelle vorbei kam, dachte ich so bei mir:
„Der hat sie bestimmt wegen ihrer Herkunft so angeschnauzt… Klar… Der Typ muss ein Rassist sein.“

…wo ich das her hatte? Keine Ahnung.
Jedenfalls war ich es, und nicht er, der ihre vermeindliche Herkunft ins Spiel gebracht hatte. Wenn auch nur, um ihm daraus einen Strick zu drehen…