Brandanschlag?

UPDATE: NDR – Täter vermutlich gefasst

Spiegel Meldung
Ein Demoaufruf

Es kann derzeit nicht gesagt werden, inwieweit die Tat einen (wie auch immer gearteten) rechtsextremen, xenophoben oder rassistischen Hintergrund hatte. In den letzten Jahren sind in Hamburg auch vermehrt Kinderwagen aus reinem „jugendlichen Leichtsinn/Blödheit“ in Brand gesteckt worden.
Es kann also sein, dass wir dem Umstand eine Dynamik verleihen, die nicht angemessen sein könnte.
Was also bedeutet das für uns (wenn ich damit einfach mal alle Menschen zusammenfassen darf, die bereit sind herrschende Verhältnisse anzuprangern):

In den letzten Jahren sind durch den NSU mindestens 9 Menschen aus primär rassistischen Motiven ermordet worden. In all diesen Fällen wurde das Umfeld der Opfer verdächtigt. Die Morde wurden durch die Presse beleidigend als „Dönermorde“ verklärt. Eine Vielzahl von Menschen hätten vermutlich durch frühe Ermittlungen in die richtige Richtung gerettet werden können.
Daneben gab es auch viele Opfer, die nicht von einer Terrorzelle, sondern von „ganz normalen Menschen“ verletzt und getötet wurden. Darunter auch Fälle bei denen Polizisten selbst im Verdacht stehen, die Täter zu sein…
Das noch größere Problem allerdings, war und ist das nicht-wahrhaben-wollen der Öffentlichkeit. Eine Gesellschaft die nicht realisieren will, dass Rassismus allgegenwärtig und Hass auf alles, was fremd erscheint, weit verbreitet ist.
Auch wenn wir nicht wissen, inwieweit es sich bei diesem Ereignis um eine rassistisch-motivierte Tat handelt, (wir wissen ja noch nicht einmal ob ein Vorsatz im Sinne einer Tötungsabsicht bestand,) steckt uns doch allen ein Klos im Hals, wenn wir von einem brennenden Haus mit Todesopfern hören, in dem Asylbewerber oder aber auch „nur“ Menschen lebten, denen von unserer Gesellschaft abgesprochen wird, originärer Teil der deutschen Kultur zu sein.

Zu sehr erinnert uns das alles an Vergangenes; an Mölln, an Lichtenhagen, an jeden verdammten Sonntag, an dem wir uns den Faschisten entgegenstellen.
An ihren Hass und die Bereitschaft, Menschen wegen Herkunft und Hautfarbe zu verletzen und zu töten…
Und trotzdem wissen wir, dass wir wenige sind.
Wir wissen, wie viele „Mitbürger“ sich taub und stumm stellen und wie Opfer immer wieder zu Tätern stilisiert werden.
Wir wissen auch, wie wenig Aufklärungsinteresse in der Vergangenheit bestand.
Und wir wissen, dass Dinge nur so lange wichtig sind, wie wir ihnen Wichtigkeit beimessen. So bedauerlich das klingen mag…
…genau deswegen muss Öffentlichkeit hergestellt und ein Bewusstsein geschaffen werden. Ohne Kompromisse.

Die Menschen sollen und müssen damit konfrontiert werden, was in ihrer Gesellschaft passiert.
Niemand soll je wieder sagen können, er habe von all den Verbrechen keine Ahnung gehabt!

Auch wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass es sich um keinen Anschlag handelte, wäre geschehen, was seit langem mal wieder fällig war:
Uns wurde ein Spiegel vorgehalten.

Also beteiligt euch an Aktionen, macht Druck auf die Ermittlungsbehörden, organisiert euch!

Nachsatz:
Ich bin dagegen jetzt schon von rassistischen Morden zu sprechen.
Dafür ist mir die Beweislast zu dünn. Allerdings denke ich, dass ein paar Menschen, die bereits jetzt von Morden sprechen lediglich ein adäquates Gegengewicht zur Verklärungsmentalität der hiesigen Presselandschaft darstellen. Insofern ist das für mich zu vernachlässigen.

Zweiter Nachsatz:
Ich schrieb eben, das mir die Beweislast zu dünn sei und möchte dazu noch kurz etwas los werden.
Ich denke, dass diskutiert werden muss, inwieweit ich mich falsch verhalte, inwieweit man sich falsch verhalten kann, wenn man als deutscher, weißer Linker einer Person of Color unterstellt per se ein Opfer zu sein. Diese Form des Protektionismus ist nicht unkritisch zu sehen. Immerhin bin ich es, als deutscher, weißer Linker und nicht der „Marginalisierte“ selbst, der entscheidet, wen er beschützen möchte und wen nicht.
Dies ist insofern schwierig, als dass wir Solidarität als unsere stärkste Waffe ansehen.
Meine Meinung hierzu: Dieser Diskurs darf nicht verhindern, dass ich helfe, wo ich helfen kann. Aber es sollte gefragt werden, wer mich überhaupt um Hilfe bittet oder ob ich ein mutmaßliches um-Hilfe-bitten voraussetzen kann, sofern die betreffende Person nicht in der Lage ist um Beistand zu bitten.
Manchmal ist es auch so, dass man aus einer solchen Zwickmühle nicht wirklich elegant heraus kommt:
Der Diskurs muss allerdings am Leben gehalten werden, um dafür zu sensibilisieren, dass wir die derzeitigen Verhältnisse möglichst nicht in unserer Arbeit reproduzieren (Der König ist tot, lang lebe der König!)…